G.I. Gurdjieff: Leben, Lehre und die Praxis des Vierten Weges
Inhaltsverzeichnis:
Biografie
Kindheit
Gurdjieff erzählt: „Als ich ein junger Knabe war, nahm mich mein Vater zu den großen Treffen der Aschokhs mit, einer Versammlung von den bekanntesten Barden, Gedicht-Erzählern und Musikern dieser Zeit in Transkaukasien, zu denen auch mein Vater gehörte. Tagelang hörte ich die alten Legenden und Mythen, die mich inspirierten und meine Neugier erweckten.
Es war vorgesehen, dass ich Priester werden sollte, aber ich sollte auch Medizin studieren, da der Meinung meiner Erzieher nach Körper und Seele zusammengehörten. Doch ich war sehr an Wissenschaften interessiert und strebte eher eine technische Laufbahn an.
Nachdem ich öfter Zeuge unerklärlicher Phänomene und sogenannter Wunder war, die die Wissenschaft nicht im Geringsten erklären konnte, sowie durch das zufällige Zusammentreffen verschiedener Lebensumstände, kombiniert mit Lebenserfahrungen, in denen ich nur knapp dem Tod entging, ließ mich die Frage nach dem Sinn der Existenz des Menschen nicht mehr los. Sie wurde zum Schwerpunkt meines inneren Lebens …“
Gurdjieff wurde 1866 im kappadozisch-griechischen Viertel der Stadt Alexandropol (Leninakan) auf der russischen Seite der türkisch-russischen Grenze geboren. Sein Vater war griechischer und seine Mutter armenischer Herkunft.
Die Suche nach der Quelle
Es folgt eine Zusammenfassung seiner Biografie bis zu seiner öffentlichen Erscheinung in Moskau 1912. Diese Ereignisse wurden allerdings von verschiedenen Autoren durch Extrapolation aus mehreren Quellen zusammengefügt und sind daher, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht gesichert.
1883 geht der junge Gurdjieff nach Tiflis, wo er als Heizer bei der Transkaukasischen Eisenbahngesellschaft arbeitet. Im Anschluss unterbricht er diese Arbeit, um zu Fuß nach Etschmiadzin, zum Zentrum der armenischen Geistlichkeit, zu pilgern und dort drei Monate lang bei Vater Lewlampios im Kloster Sanaine zu studieren. Hier entwickeln sich bereits seine ersten engen Freundschaften mit Abram Yelow und Sarkis Pogossian, die beide später Teil der Gruppe der Wahrheitssucher werden sollten. Im Sommer 1885 reist er nach Konstantinopel, wo er mit dem Bektaschi-Orden Kontakte knüpft und mit den Mewlewi- Derwischen studiert.
Mit Pogossian gräbt er im Jahr 1886 in den Ruinen der Stadt Ani und findet Hinweise auf die Bruderschaft und Weisheitsschule Sarmoung, die aller Wahrscheinlichkeit nach 2500 Jahre vor Christus in Babylon existierte.
Ein Jahr später, 1887, reist er, auf der Suche nach dieser Schule, in Richtung Kurdistan und entdeckt zufällig eine Karte von Ägypten vor dem Sande. Das veranlasst ihn, über Alexandrien nach Kairo zu fahren, wo er die Bekanntschaft von Prinz Lubovedski und des Archäologen Professor Skridlof macht, die beide älter sind als er.
Bald darauf zieht es den aufgeweckten und begabten jungen Gurdjieff zu seiner ersten Expedition nach Asien und dem Nahen Osten, auf der Suche nach Antworten auf die existenziellen Fragen der Menschheit.
Er schreibt: „Es drängte sich meinem Sein in der Zeit meiner Jugend, als ich gerade dabei war, das verantwortliche Alter zu erreichen, ein unaufhaltsames Streben auf, den genauen Sinn des Lebensprozesses all der äußeren Formen atmender Kreaturen auf der Erde generell zu verstehen und dabei im Besonderen das Ziel des menschlichen Lebens im Lichte dieser Interpretation.“
In einer Zeit, in der diese Reisen teilweise sehr gefährlich waren, verschlug es ihn bis nach Afrika und ins Herz von Tibet. Viele Gegenden waren noch nicht erschlossen. Der Handel mit Sklaven war noch gang und gäbe und es lagen etliche verfeindete Stämme auf der Lauer.
Wie er selbst berichtet: „Ich wurde im Laufe dieser Abenteuer selbst drei Mal von einer verirrten Kugel getroffen und überlebte einmal nur knapp…“ All dies verminderte nicht im Geringsten seinen Wissensdurst und seine Entschlossenheit. Der junge Gurdjieff absolvierte seine ersten Expeditionen in Begleitung der Mitglieder der Wahrheitssucher oder auch allein.
Auf diese sollten in den nächsten 20 Jahren noch mehrere ausgedehnte Expeditionen mit unerbittlicher Suche und unerbittlichen Bemühungen folgen.
Die Gruppe der Wahrheitssucher
Gurdjieff gründete 1885 mit dem Archäologen Professor Skridlof und Prinz Lubovedski den Kern einer Gemeinschaft, die den Namen „Wahrheitssucher“ oder „Sucher der Wahrheit“ trug. Es gesellten sich viele Spezialisten unterschiedlicher Fachgebiete zu ihnen. Jeder war Experte auf einem Gebiet und sie fügten ihre Erkenntnisse zusammen. Einige dieser Expeditionen und außergewöhnlichen Menschen beschrieb er später in seinem zweiten Buch: Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen.
Verschiedene Begegnungen führen dazu, dass er 1898 in Neu-Buchara von Mittelsmännern – mit verbundenen Augen – auf einem 12-tägigen Pony-Treck zum Hauptkloster der Bruderschaft Sarmoung geführt wird. Dies wird die Hauptquelle seiner Inspirationen werden. Sowohl für seine Lehren wie auch für die Heiligen Tänze. Es folgt eine Zeit intensiven Studiums.
Anschließend unternimmt er erneut mehrere Expeditionen in Begleitung der Wahrheitssuchenden, zum Beispiel in die Wüste Gobi.
Ein Jahr später, also 1899, reist er mit Prof. Skridlov, beide als Derwische verkleidet, entlang des Amu-Daria (Oxus) nach Karfiristan, um anschließend nach Baku zu reisen, wo er seine Studien fortsetzt.
Im nächsten Jahr wird es die letzte gemeinsame Expedition der Wahrheitssucher geben. Diesmal über Tschardschu und über das Pamir-Gebirge nach Indien. 1901 wird er, verkleidet als transkaspischer Buddhist, ins obere Tibet vordringen und bei den Rotmützen-Lamas studieren.
Während eines Scharmützels zwischen Gebirgs-Stämmen wird er 1902 erneut angeschossen.
Die Briten fallen unter der Führung von Oberst Francis Younghusband am 05. Juli 1903 in Tibet ein. Am 31. März 1904 massakrieren sie die Tibeter bei Guru und am 03. August nehmen sie Lhasa ein. Gurdjieff kehrt, an schwerer Wassersucht leidend, von Tibet aus zu seinen Eltern nach Alexandropol zurück, um zu genesen.
Kaum auf den Beinen, reist er nach Zentralasien, wo er während eines Scharmützels zwischen Kosaken und Gurianern erneut angeschossen wird.
Von 1905 bis 1907 lässt sich Gurdjieff in einer Sufi-Gemeinschaft in Taschkent, der damaligen Hauptstadt des russischen Turkestan, nieder.
Danach betätigt er sich dort als Lehrer für übernatürliche Wissenschaften und sammelt in Vorbereitung auf sein zukünftiges Vorhaben eine beträchtliche Geldsumme durch Handelsgeschäfte, hauptsächlich mit Ölquellen, Fischen, Vieh und Teppichen.
Die Lehre des Vierten Weges
Gurdjieff erscheint in Russland
1912 erscheint Gurdjieff in Moskau mit einer kompletten außergewöhnlichen Systematik, Kosmologie und Lehre, welche die Grundlagen dessen bilden, was er später „Die harmonische Entwicklung des Menschen“ nennen wird. Man muss sich vorstellen, dass dies in einer Zeit geschah, in der „Arbeit an sich selbst“ noch kein Begriff war, die Vorlesungen von Sigmund Freud „Einführung in die Psychoanalyse“ (1916-1917) noch nicht abgehalten wurden und die verschiedenen orientalischen und asiatischen spirituellen Strömungen noch kein Interesse daran hatten, ihre Lehren in den Westen zu exportieren. Da waren die Annäherungen von Gurdjieff an die Möglichkeiten der inneren Entwicklung des Menschen, seines Bewusstseins, seines Willens und seiner Individualität im Westen revolutionär und mehr als überraschend. Diese Annäherungen an die existenziellen Fragen waren kaum bekannt oder seit Langem im Dunkeln des Mittelalters vergessen worden.
Er zog viele Intellektuelle an, wie den bekannten Autor P.D. Ouspensky (Tertium Organum / Ein neues Modell des Universums) und seine Frau Sophia, den im Moskauer Konservatorium gefeierten Komponisten und Dirigenten Thomas de Hartmann und seine Frau Olga de Hartmann, sowie den Arzt Dr. Leonid Stjörnval und viele weitere.
Gurdjieff heiratet zu dieser Zeit Julia Ostrowska in Sankt Petersburg.
Am 13. November 1914 kündigt die Zeitung Golos-Moskwi sein Ballett „Kampf der Magier“ an.
Der Vierte Weg
Er bezeichnete seinen Weg als „den Vierten Weg“. Im Gegensatz zu den traditionellen, bekannten Wegen des Fakirs, des Mönchs und des Yogi handelt es sich beim 4. Weg um einen Weg im Leben, im Alltag. Ein Weg, durch den der Suchende eine innere harmonische Entwicklung und Transformation in und durch die Schwierigkeiten seines Alltags anstrebt. Dies unterscheidet sich deutlich von den traditionell bekannten Wegen. Herr Gurdjieff selbst sagte: „All diese Wege haben eines miteinander gemeinsam. Sie beginnen alle mit dem Schwersten. Sein Leben vollständig zu wandeln und allen weltlichen Dingen zu entsagen. (…) Vom ersten Tage an (…) muss er für die Welt sterben; nur so kann er hoffen, irgendetwas auf einem dieser Wege zu erreichen.“ (Ouspensky: Auf der Suche nach dem Wunderbaren, S. 67).
In Sankt Petersburg sagte Herr Gurdjieff: „Der Vierte Weg erfordert keinen Rückzug in die Wüste … im Gegenteil, die Lebensbedingungen, in die ein Mensch zu Beginn seines Werks gestellt ist … sind für ihn die bestmöglichen. Diese Bedingungen sind der Mensch selbst… Alle Umstände, die anders sind als die vom Leben geschaffenen, wären für den Menschen künstlich, und in derart künstlichen Verhältnissen wäre das Werk nicht in der Lage, alle Seiten seines Seins auf einmal zu erfassen.“
Diese Methode wird bis heute in allen authentischen Gurdjieff-Gruppen praktiziert. Im Gegensatz zu den gängigen Methoden von Sekten, Menschen von ihrer Umgebung zu isolieren und abhängig von einer Institution oder einem Lehrer zu machen, wird der Schüler des Vierten Weges noch tiefer in seinen eigenen Alltag geworfen. Er soll vor allem lernen, als Individuum auf eigenen Füßen zu stehen, während gleichzeitig eine innere Umwandlung und Entwicklung seines Bewusstseins stattfinden.
Die Sieben Siegel des Seins
Eines Tages erzählte Herr Gurdjieff Folgendes über die Entstehung des Vierten Weges: Ein junger Mann begegnet auf einem orientalischen Bazar einem hungrigen Teufel. Als er ihn von Mitleid ergriffen fragt, was denn los sei, antwortet der Teufel: „Menschen bilden keine Seelen mehr und deswegen gibt es nichts mehr für mich zu essen.“ Die zwei treffen eine Abmachung: Der Teufel würde ihm beibringen, wie man sich „seiner Selbst erinnert“, um dadurch wieder Seelen-Stoffe zu erzeugen, und der junge Mann würde es anderen beibringen und somit würde wieder Nahrung für den Teufel entstehen. Und im Gegenzug können im Laufe dieses inneren Prozesses einige, die diese Methode der Selbst-Erinnerung erlernt haben, ihre Seele vervollkommnen und somit dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt entgehen.
Diese Legende hat A. E. Baklayan als Basis für sein Buch: „Die Sieben Siegel des Seins. Ein Altes Versprechen“ verwendet, welches eine Hommage an die Lehren und Ideen von Herrn Gurdjieff ist. Es erschien im Dezember 2024 und beinhaltet neue, bis dato kaum bekannte Aspekte und Perspektiven der Lehre von Herrn Gurdjieff. Da es in einer dem heutigen Menschen angepassten, erzählerischen Form geschrieben ist, eignet es sich auch als Einführung für den Anfänger, bevor er sich an die schwierigere primäre Literatur von Gurdjieff heranwagt.
Die vielfältige Praxis und das Institut
Die ersten Arbeitsgruppen
In den Jahren von 1912 bis 1916 etablierten sich in Moskau und Sankt Petersburg kleinere Arbeitsgruppen, die versuchten unter Herrn Gurdjieffs Aufsicht sein monumentales Lehrgebäude und Ideen in die Praxis umzusetzen. Später schrieb P.D. Ouspensky ein treues Zeugnis dieser Phase seiner Arbeit mit Herrn Gurdjieff unter dem Titel „Fragmente eines unbekannten Wissens“. Später wurde es von den Verlagen aus kommerziellen Gründen in „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“ umbenannt. Dies bleibt bis heute eines der authentischsten und wertvollsten Zeugnisse, die jeder, der ernsthaftes Interesse an den Ideen von Herrn Gurdjieff hat, lesen sollte.
Am 16. März 1917 kommt es zur russischen Revolution. Zar Nikolaus II. muss abdanken. Im Juli lässt sich Gurdjieff in Essentuki im Kaukasus mit dreizehn seiner Schüler nieder und es findet unter seiner Aufsicht sechs Wochen lang eine extrem intensive Arbeit statt.
Nach der Oktoberrevolution kommt Lenin am 7. November 1917 an die Macht.
Gurdjieff war alles andere als der klassische Lehrer, der anstrebte, möglichst viele Schüler zu haben. Er machte es den Leuten nicht gerade leicht, sich ihm anzunähern, um ihren Ernst und ihre Entschlossenheit zu prüfen. Die Ernsthaftigkeit eines Aspiranten zu testen, war früher in verschiedenen Traditionen nicht ungewöhnlich und führte manchmal zu ausgedehnten Geduldsproben. De Hartmann erzählt, dass sein erstes Treffen mit Gurdjieff in einem verruchten Café in St. Petersburg stattfand, wo er sich als Offizier der Garde, Komponist und Lehrender des staatlichen Konservatoriums nicht hätte blicken lassen dürfen. Er befürchtete erkannt zu werden. Gurdjieff bemerkte nur beiläufig: „Heute sind hier mehr Nutten als sonst“.
Die Begegnung mit ihm war für den Suchenden oft ein Schock, der ihn vollkommen auf sich selbst zurückwarf. Natürlich sorgte dies für viele ungewöhnliche Situationen und Stoff für viele Anekdoten.
Dieses Verhalten mag in der heutigen Zeit befremdlich erscheinen, ist jedoch leicht verständlich, wenn man es beispielsweise mit der Sicht eines Musikprofessors eines gehobenen Konservatoriums vergleicht: Er ist nicht daran interessiert, dass möglichst viele Schüler „ein bisschen Klavier spielen lernen“, stattdessen gilt sein Interesse einer Handvoll Schülern, die bereit sind, sich der Materie vollkommen zu widmen. In Gurdjieffs Augen: Diejenigen als Schüler anzunehmen, die bereit für eine wirkliche innere Transformation sind, eine solche, wie sie in den alten mystischen Schulen und traditionellen Wegen stattfindet.
Gurdjieff erzählt weiter: „Als die Russische Revolution ausbrach, wurde klar, dass die Arbeit dort nicht mehr stattfinden konnte. Wir gingen nach Essentuki, wo ich mit einer kleinen Gruppe sechs Wochen lang Tag und Nacht eine intensive Arbeit ausführte. Dann zwang uns die Annäherung der Bolschewiken und gleichzeitig der weißrussischen Armee zu fliehen, denn es fanden täglich blutige Konfrontationen statt, die ein großes Gefühl der Unsicherheit vermittelten. Unter dem Vorwand, eine wissenschaftliche Expedition durch den Kaukasus zu führen, um die Jahrtausende alten Dolmen zu studieren, entgingen wir der Massen-Psychose.“
De Hartmann erinnert sich: „Gurdjieff führte uns durch die Unsicherheiten des Bürgerkrieges und unterwegs erklärte er uns sogar, wie die Menhire oder Dolmen, die wir erforschten, nach mathematischen Gesetzmäßigkeiten aufgestellt waren. So konnte er mehrmals durch Berechnungen voraussagen, in welcher Richtung und an welchem Ort sich die nächsten Monumente befinden würden, deren Existenz sogar den lokalen Führern, welche ihr Leben an diesen Orten verbracht hatten, unbekannt war.“
Als Gurdjieff 1919 mit seiner Kernmannschaft in der georgischen Hauptstadt Tiflis ankommt, schließen sich ihm Alexander und Jeanne de Salzmann an.
Jeanne de Salzmann war Tanzlehrerin am Institut Dalcroze und wurde eine der Haupt-Tänzerinnen in den heiligen Tänzen, in den sogenannten „Movements“, die er lehrte, sowie in der Choreografie „Der Kampf der Magier“, die Gurdjieff für eine Aufführung vorbereitete.
In Zusammenarbeit mit Jeanne de Salzmann kam es am 22. Juni 1919 zur ersten öffentlichen Vorführung der Heiligen Tänze im Opernhaus von Tiflis. Mitte September gründet Gurdjieff in Tiflis offiziell sein Institut für die Harmonische Entwicklung des Menschen. Durch die Verschlechterung der politischen Lage reisten sie 1920 jedoch nach Konstantinopel und ließen sich am 7. Juli dort nieder. Im Oktober fängt Gurdjieff an, öffentliche Vorlesungen abzuhalten.
Im Dezember wird er nach Hellerau bei Dresden eingeladen.
Gurdjieff etabliert sein Institut in Europa
Gurdjieff erzählt von der Zeit der Suche nach einem Ort für sein Institut: „Wir fuhren weiter nach Konstantinopel (August 1921) und dann nach Berlin auf der Suche nach einem geeigneten Platz, um mein Institut für die Harmonische Entwicklung des Menschen zu eröffnen.“ Am 21. November hält er in Berlin seine erste Vorlesung in Europa ab.
Die Deutschen waren begeistert von seinen Ideen, jedoch bemerkte er bald, dass sie ungute nationalistische Ideen beimischten, welche später die Basis für das Dritte Reich werden sollten. Dies war Gurdjieffs Ideen diametral entgegengesetzt.
Es folgt am 13. Februar 1922 ein kurzer Besuch in London, wo er einige Schüler von Ouspensky, der seine eigene Gruppe gegründet hat, kennenlernt, darunter auch A. R. Orage. Ein zweiter Besuch in London folgt im März.
Am 14. Juli 1922 holt er seine Schüler von Berlin nach Paris.
Am ersten Oktober 1922 erwirbt er dort die Prieuré.
„So landete ich in Frankreich, genauer gesagt im Château Fontainebleau Avon, in der Nähe von Paris, wo ich endlich mein Institut für die Harmonische Entwicklung des Menschen etablieren konnte.“
Ab 1923 macht Gurdjieff der Öffentlichkeit die Tänze und Musik durch Aufführungen im neu errichteten „Study House“ in der Prieuré zugänglich. Dies zieht auch Persönlichkeiten wie Diaghilew, Sinclair Lewis und Algernon Blackwood an.
Dort gab es einige sehr intensive Jahre, in denen sich ihm hochrangige Intellektuelle und Wissenschaftler anschlossen, darunter Alfred Orage, Herausgeber der avantgardistischen amerikanischen Zeitschrift „The Little Review“, Jane Heap, Margaret Anderson, und Kathryn Hulme die später den Bestseller: „Geschichte einer Nonne“ (The Nun's Story) schrieb, der 1959 von Fred Zinnemann mit Audrey Hepburn in der Hauptrolle verfilmt wurde.
Des Weiteren schlossen sich ihm der bekannte Psychologe Dr. Nicoll und die schwer erkrankte, aber sehr erfolgreiche neuseeländische Autorin von Kurzgeschichten Katherine Mansfield an, die er trotz ihrer schweren Tuberkulose in der Prieuré wohnen ließ, wo sie 1923 verstarb. Sie schrieb: „Mehr als je spüre ich, dass ich in mir selbst ein Leben aufbauen kann, das der Tod nicht zerstören wird.“
Am Sonntag, dem 16. Dezember 1923 fand die Premiere der Démonstrations de l’Institut du Développement Harmonique de L’Homme de G. Gurdjieff im Théâtre de Champs-Élysées in Paris statt. Ziel war es: Die Arbeit des von Gurdjieff gegründeten Instituts vorzustellen, die auf die harmonische Entwicklung von Körper, Intellekt und Gefühl abzielt. Inhalt: Acht öffentliche Aufführungen mit den sogenannten „obligatoires“, Übungen, Derwisch und Heilige Tänze. Musik: Von Gurdjieff komponiert, von Thomas de Hartmann orchestriert und von einem Orchester aus 35 Musikern gespielt. Es wurde vom Publikum mit großer Begeisterung aufgenommen und hinterließ einen starken Eindruck.
Erster Kontakt mit den USA
Im Frühjahr 1924 reist Gurdjieff in Begleitung von ca. 35 in den Tänzen ausgebildeten Schülern in die USA, wo sie eine Tournee mit Aufführungen in New York, Philadelphia, Boston und Chicago geben werden. Als Krönung treten sie am 03. März 1924 in der Carnegie Hall auf. Die erste, letzte und einzige Aufführung, bei der Eintrittskarten vom Publikum bezahlt wurden. Dies war der Höhepunkt seiner öffentlichen Tätigkeiten in jener Periode.
Ein Wendepunkt
Am 6. Juni 1924 wurde Gurdjieff in einen schweren Autounfall verwickelt, als er auf der Fahrt von Paris zur Prieuré mit einer Geschwindigkeit von 90 km/h gegen einen Baum fuhr. Seltsam an diesem Ereignis ist, dass er in Paris seine Sekretärin Olga de Hartmann zum ersten Mal anwies, den Zug zu nehmen, obwohl sie ihn sonst immer im Auto nach Paris und zurück begleitete und dass er ihr am Morgen vor seiner Abfahrt sämtliche Vollmachten über die Prieuré und seine Geschäfte übertrug und den Mechaniker bat, die Bremsen seines Autos genauestens zu überprüfen.
Er erlitt durch den Unfall schwerste Verletzungen und fiel in ein Koma. Dies wiederum führte zu enormen finanziellen Problemen, da er alleine nicht nur das Anwesen, sondern auch eine ganze Horde russischer Schüler, die seit der Revolution mit ihm geflohen waren, sowie seine Familie, die er 1923 erfolgreich aus Russland geholt hatte, finanzierte. All dies machte es für Gurdjieff unausweichlich, das Institut im August 1924 formell aufzulösen, da er, wie er sagte, zu einer neuen Phase seines Lebens gezwungen wurde.
Er selbst erzählte, dass er sich, als er aus dem Koma erwachte, als “eine Leiche in sauberen Laken“ wiederfand und gezwungen war, seine Ideen, die er für das Wohl der Menschheit in jahrelangen Bemühungen gesammelt hatte, wenigstens schriftlich festzuhalten. Dies war, im Dezember 1924, der Anfang der Entstehung seines Opus Magnum: „Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel“ sowie anschließend zweier weiterer Bücher: „Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen“ und „Das Leben ist nur wirklich, wenn ‚Ich bin‘“.
Im Sommer 1925 komponierte er mit Thomas de Hartmann zahlreiche Musikstücke. In dieser Zeit (1925-1927) erreichte die schöpferische Kraft von Herrn Gurdjieff ihren Höhepunkt. Neben der Choreografie von über 100 Tänzen komponierte er mit Hilfe von De Hartmann über 300 Musikstücke, während die Arbeiten beim Restaurieren des Châteaus Prieuré unter seiner Anleitung unvermindert weitergingen. Es kamen in dieser Zeit viele amerikanische Schüler, um mit Herrn Gurdjieff zu arbeiten, darunter auch Solita Solano (1888-1975).
Zwischen 1929 und 1933 wird Gurdjieff mehrmals in die USA reisen, um seine entstehenden amerikanischen Gruppen zu besuchen und zu unterstützen.
Im späten Herbst wird er durch die Vermittlung von Alexander de Salzmann seinen ersten französischen Schüler kennenlernen: René Daumal (1908-1944), der 1928 zusammen mit Gilbert-Lecomte die Literaturzeitschrift „Le Grand Jeu“ gründet. René Daumals Bruder, Jacques Daumal, ist 1975 der erste Lehrer von A. Baklayan.
Die Schließung der Prieuré
Am 11. Mai 1932 muss Gurdjieff gezwungenermaßen die Prieuré endgültig schließen.
Danach zieht er sich aus der Öffentlichkeit zurück und hat in dieser Zeit nur wenige Kontakte. 1935 formt sich die erste Pariser Gruppe. Zwischen Mai und September 1935 verschwindet Gurdjieff von der Bildfläche. Niemand weiß mit Sicherheit, wohin er in dieser Zeit reiste. Im September 1935 taucht er wieder an seinem Stammplatz im Café de la Paix auf.
In Paris hatten sich inzwischen zwei neue Schülergruppen gebildet. Jane Heaps Gruppe auf dem Montparnasse und Jeanne de Salzmanns ganz am Anfang stehenden französischen Gruppe in Sèvres, 10 km von Paris gelegen. Zu dieser Gruppe, die sie Gurdjieff vorstellte, gehörten René und Vera Daumal, der Journalist und Autor Henri Tracol sowie Philippe Lavastine.
1939 fand Gurdjieffs letzter Kurzbesuch in den USA statt. Er kehrte daraufhin trotz der Kriegsgefahr nach Paris zurück.
Neue Phase mitten im Zweiten Weltkrieg
Am 01. September 1939 bricht der Zweite Weltkrieg aus.
Während des Krieges gab Gurdjieff seinen französischen Schülerinnen und Schülern einmal ein Gelübde oder ein Gebet, von dem er sich gewünscht haben muss, sie würden es als ihr eigenes annehmen: „Ich möchte Sein, ich kann Sein, ich habe das Recht zu Sein, ich habe die Fähigkeit zu Sein. Ich schwöre mir, dass dies nie zu meinem persönlichen Nutzen sein wird, sondern um anderen zu helfen. Ich möchte Sein, um anderen zu helfen. Dies ist als ein Gelübde zu verstehen.“
Ein nahezu wortwörtlich entsprechendes Gelübde wird A. E. Baklayan 2014 unter dem Einfluss seines Lehrers nach dessen Tod auf sich nehmen.
Trotz Bitten seiner Schüler bleibt Gurdjieff den ganzen Krieg über in Paris. Am 14. Juni 1940 marschiert die deutsche Besatzungsmacht in Paris ein. Jetzt treten die abendlichen Ausgangssperren in Kraft und die Gefahr ist für die Schüler jüdischer Abstammung real. Gurdjieff rät ihnen am 29. Mai in den Untergrund zu gehen und hilft ihnen dabei unterzutauchen. Sie werden auch teilweise von christlichen Gruppenmitgliedern versteckt. Die Gruppentreffen setzen sich dennoch fort.
Nach dem Krieg wächst die französische Gruppe schnell. Auch Ärzte wie Dr. Aboulker, der so etwas wie der Vater der Klinischen Psychologie in Frankreich war, und Dr. Franz Grünwald, ein Arzt, ursprünglich aus Wien, stoßen dazu. Bald gibt es regelmäßige Treffen und auch die Movements werden 1943 wieder in der Salle Pleyel aufgenommen.
Es tauchen auch etliche Schüler aus London auf, wo Ouspensky wirkte, sowie aus den USA, wo die Arbeit unter Alfred Orage viele Interessierte anzog.
Selbstloses Mitgefühl
Ein wenig bekannter Aspekt von Gurdjieffs Tätigkeit war sein selbstloses Mitgefühl. In dieser Zeit betrieb er, verborgen von der Öffentlichkeit, eine Art private Suppenküche für Bettler und verarmte Emigranten.
Tcheslaw Tchechovitch, einer seiner ältesten Schüler, der ihm aus Russland gefolgt war, erzählt: „Der vordere Eingang seiner Wohnung blieb den ganzen Vormittag für alle Schüler und Besucher verschlossen, aber auf der hinteren Nottreppe war es eine völlig andere Sache. Man musste es gesehen haben, um es zu glauben: Vom Erdgeschoss bis nach oben hin war sie voll von Bettlern und verarmten Familien. Herr Gurdjieff servierte jedem eine volle Suppenration, während er sich über ihr Wohlbefinden erkundigte. Wenn jemand krank war, würde er ihm etwas Spezielles servieren… Manchmal wurde das Ganze auch am Abend wiederholt.“ (Tchechowitch: Gurdjieff - A Master in Life)
Nach Beendigung des Krieges 1945 strömten wieder die Schüler aus Großbritannien, den USA und Australien herein. Darunter Kathryn Hulmes, Margaret Anderson und Fritz Peters.
1948 erleidet Gurdjieff erneut einen Autounfall. Obwohl er schwer verletzt ist, erholt er sich überraschend schnell.
Der Große Abschied
G.I. Gurdjieff unterrichtete mit unverminderter Kraft bis zu seinem Lebensende, dem 29. Oktober 1949. Drei Tage vorher ließ er sich noch, aufrecht sitzend, auf der Tragbahre, mit einer Zigarette im Mund, ins amerikanische Krankenhaus überführen. Er winkte fröhlich und sagte: „Au revoir, tout le monde.“
Zwei Tage vor seinem Tod sagte er zu Madame de Salzmann: „Was vor allem wesentlich ist, ist dies: einen Nukleus an Menschen vorzubereiten, der in der Lage ist, sich verantwortlich zu zeigen für die Forderung, die entstehen wird. Solange es keinen verantwortungsbewussten Kern gibt, wird die Wirkung der Ideen eine gewisse Schwelle nicht übersteigen, das braucht Zeit…viel Zeit sogar…“
Madame de Salzmann lässt uns teilhaben an ihrem Verständnis dieses Vermächtnisses: „Die Aufgabe war offenkundig, es galt, unaufhörlich zu arbeiten, um einen Kern zu bilden, der in der Lage war, durch den Rang seiner Objektivität, seiner Ergebenheit und seiner Anforderung an sich selbst den Strom aufrecht zu erhalten, der geschaffen war.“
Gurdjieff soll gesagt haben: „Die wirkliche Arbeit wird für euch erst nach meinem Tod beginnen.“
Nach seinem Ableben versammelten sich die alten Gefährten um Madame de Salzmann und bildeten den Kern von Schülern. Es waren die, die am längsten und intensivsten mit ihnen gearbeitet hatten. Darunter Henri Tracol (1909-1997), ein französisches Mitglied der Gruppe, der Madame de Salzmann in diesen Jahren am nächsten stand, sie oft auf ihren Reisen in der englischsprachigen Welt begleitete und eigene große Gruppen in Paris und Südfrankreich aufbaute.
Dr. Michel Conge, auch Mitglied des Kerns, war jemand, der hohe Anforderungen stellte und ein temperamentvolles Wesen hatte, und in späteren Jahren für gut zusammenarbeitende Gruppen in Frankreich und im Ausland verantwortlich war. Er war ein Beispiel für die Würde und Klugheit des Kerns, der sich um Jeanne de Salzmann gebildet hatte.
Auch Lord Pentland, der höchst kreative Präsident der Gurdjieff Foundation of New York, der ihr seit ihren ersten Tagen vorstand, war eine kraftvolle und weise Verkörperung der Lehre.
Den Kern bildeten außerdem Francois Grünwald, Michel Peterfalvi, Jean Vaysse, Michel de Salzmann, René Zuber, Vera Daumal und viele andere.
Auch Peter Brook (1925-2022) gehörte dazu, der berühmte Shakespeare-Regisseur, der gemeinsam mit Madame de Salzmann den Film „Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen“ realisierte, eine gelungene Verfilmung des zweiten Buches von Herrn Gurdjieff.
Die Liste bleibt unvollständig, da dies zu einer Zeit geschah, als Menschen, die wirklich an sich arbeiten, genau wie heute ungern darüber redeten, weil es als äußerst intime Angelegenheit betrachtet wurde. Vergegenwärtigt man sich den alten Spruch: „Die, die wissen, reden nicht, die, die reden, wissen nicht“ wirft er ein klares Licht auf das, was Michel Peterfalvi scherzhaft den heutigen „esoterischen Supermarkt“ nannte. So ist es nicht ungewöhnlich und sogar die Regel in der heutigen Zeit, auf sogenannte Gurdjieff-Gruppen und -Organisationen zu treffen, deren Lehrer oder Gruppenleiter selbst noch nie in, ja nicht einmal in der Nähe einer Gurdjieff-Schule waren.
Dies ist genauso absurd, wie den Anspruch zu haben, Klavierspielen zu lehren, ohne jemals in der Nähe eines Konservatoriums gewesen zu sein, ja ohne selbst je Klavierunterricht genommen zu haben. An dieser Stelle darf auch erwähnt werden, dass Gurdjieff unmissverständlich darauf hingewiesen hat, dass die „Heiligen Tänze und Movements“ Teil einer ganzheitlichen Methodik sind, die niemals getrennt von den anderen Aspekten seiner Lehre gelehrt und praktiziert werden sollten.
Als im Mai 1990 Madame de Salzmann im Alter von 102 starb, hatte sie es durch große Bemühungen geschafft, die Kernmannschaft heranzubilden, die ihr Gurdjieff aufgetragen hatte.
Die Gurdjieff Schule München
Die Ursprünge der Gurdjieff Schule München: A.E.Baklayan
Zu dieser Kernmannschaft gehörte auch Dr. Francois Grünwald, der aus offensichtlichen Gründen beauftragt wurde, den Keim der entstehenden deutschen Gruppe in München regelmäßig zu besuchen und zu führen.
Rene Daumal war bereits 1944 an den Folgen der Tuberkulose gestorben, doch sein Bruder Jacques Daumal lebte mit seiner Frau und Tochter Miriam in Kairo, wo er an der Universität Kairo arbeitete. Hier geschah die schicksalhafte Begegnung des 15-jährigen Jungen Baklayan mit Jacques Daumal, der ihn in seiner kleinen Gruppe in Kairo aufnahm. Als er das Land verlassen musste, gab ihm Jacques Daumal die Empfehlung, die Gruppe in München aufzusuchen. In der Zwischenzeit hatte Madame de Salzmann auch Dr. Michel Peterfalvi zur Unterstützung von Dr. Grünwald nach München gesandt. Der junge begeisterte Baklayan studierte intensiv unter der Leitung dieser zwei Veteranen, die den Einfluss von Herrn Gurdjieff noch direkt erlebt hatten und dem Kern der alten Schüler, die mit Madame de Salzmann arbeiteten, angehörten. Nach einem Jahr konnte Dr. Grünwald aus persönlichen Gründen nicht mehr kommen und für die nächsten 38 Jahre blieb A.E. Baklayan treu unter der strikten Führung von Dr. Peterfalvi bis zu dessen Ableben 2014.
Nachdem er gemäß der Tradition jahrzehntelang interessierte Kandidaten für die Gruppen vorbereitete und sie stets der Führung seines Lehrers übergab, gab ihm Dr. Peterfalvi, der übrigens bis zu seinem Tod Ehrenpräsident der Gurdjieff Foundation Paris war und nach dem Tod von Henri Tracol weltweit zu den verschiedenen Gruppen der Foundation und Gurdjieff Society delegiert wurde, 2007 den Auftrag, einen Zweig der Gurdjieff-Arbeit weiterzuführen. Somit ist A. E. Baklayan der einzige von Dr. Peterfalvi zu dessen Lebzeiten Lehrbeauftragte für Deutschland. Aus diesem Grund ist seine Schule eine der authentischen Weiterführungen des ursprünglichen Kerns, der noch zu Lebzeiten von Herrn Gurdjieff entstanden war.
Krieg der Bergdämonen, auf den Spuren des Heiligen
Bereits 2009 hat A.E.Baklayan, nach 7-jähriger intensiver Arbeit und mit der Erlaubnis seines Lehrers Dr. Peterfalvi sein Buch: „Krieg der Bergdämonen, auf den Spuren des Heiligen“ im Goldmann/Bertelsmann Verlag veröffentlicht. Eine allegorische Erzählung der inneren Kämpfe der verschiedenen „Ich-Gruppen“, die in jedem Menschen täglich stattfinden, worin einige der wichtigsten Themen der Gurdjieff-Arbeit des Vierten Weges aufgegriffen werden.
Nachdem sich die Gurdjieff Schule München einige Jahre lang regelmäßig in verschiedenen Klöstern eingemietet hatte, um ihre monatlichen Retreats auszuführen, wurde 2009 eine ehemalige Pension in Marktschellenberg, die „Forelle“, ihr ständiges monatliches Retreat-Haus, die wöchentlichen Gruppentreffen und weitere Aktivitäten fanden jedoch in München statt.
2015 wurde die Gruppe formal: „Gurdjieff Schule München“ genannt.
2019 suchte die Gruppe wegen der Entfernung, der ständigen Staus auf der Salzburger Autobahn sowie des Bedürfnisses, auch im Garten zu arbeiten, einen neuen Ort für die Retreats, den sie schließlich in Niederbayern im Landkreis Rottal-Inn, eine Stunde Autofahrt von München entfernt, fand.
2021 ließ Baklayan die Schüler einen gemeinnützigen Verein gründen. Dies tat er, um völlige Transparenz zu bieten und sich von Geheimgesellschaften zu distanzieren. Er befolgt auch die etablierte Tradition seines Lehrers Dr. Michel Peterfalvi, nach dem Motto unseres Herrn: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben“ (Mt. 10,8). Einige der älteren Schüler verwalten daher den gemeinnützigen Verein, der ausschließlich auf Basis freiwilliger Spenden existiert.
Abschließend bleibt zu erwähnen, dass in der Gurdjieff Schule München alle ernsthaft an den Lehren und Ideen des Vierten Wegs Interessierten herzlich willkommen sind.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Gibt es formale, vertragliche oder verpflichtende Bindungen in der Schule?
Gemäß der von Gurdjieff etablierten Tradition gibt es keine formalen, vertraglichen oder sonstigen Bindungen. Im Gegenteil, die Teilnehmer werden ermutigt sich bei jedem neuen Schritt zu fragen, ob sie bereit sind, aus freiem Willen den nächsten Schritt auf sich zu nehmen. Wie es Baklayan unmissverständlich sowohl in seinem Buch: „Krieg der Bergdämonen“ (Neuzugang, S. 24) sowie in den „Sieben Siegel des Seins“ (Die Abmachung, S.118) ausdrückt.
Werden bei der Gurdjieff Schule München noch andere spirituelle Strömungen miteinbezogen?
Baklayan hat sich seit seiner frühesten Jugend dem Zen und bald danach der Shaolin-Tradition und den taoistischen Überlieferungen gewidmet, lehnt jedoch jeglichen leichtfertigen Synkretismus (Vermischung) der verschiedenen Lehren ab.
Warum ist die Arbeit in einer Schule sinnvoll?
Wirkliche Entwicklung braucht mehr als nur theoretisches Lesen und Reden. Die Arbeit in einer Gruppe und die Begleitung durch erfahrene Menschen helfen dabei, alle – auch ungeahnte – Aspekte des eigenen Lebens in die innere Arbeit zu integrieren. Die Schule bietet einen geschützten Rahmen, um die Methoden des Vierten Weges konsequent und ohne Selbsttäuschung praktisch anzuwenden.
Wie sieht die Praxis im Alltag aus?
Im Unterschied zu traditionellen Schulen und allen Praktiken, die besondere Bedingungen oder Abgeschiedenheit erfordern, findet der Vierte Weg mitten im Leben statt. Denn nur der Alltag beinhaltet alle Bereiche unseres Daseins und dient als Übungsraum und Maßstab für das eigene Verständnis: Er macht sichtbar, wo wir stehen, was uns im täglichen Geschehen einnimmt und welche Qualität an Bemühungen von uns in herausfordernden Momenten verlangt wird.

