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Enneagramm

Das Enneagramm

Auszüge aus P. D. Ouspensky – Auf der Suche nach dem Wunderbaren

„Eine der zentralen Ideen objektiven Wissens […] ist die Idee der Einheit von allem, der Einheit in der Vielheit. Von ältesten Zeiten an haben Menschen, die den Inhalt und die Bedeutung dieser Idee verstanden und in ihr die Grundlage objektiven Wissens sahen, danach gestrebt, einen Weg zu finden, um diese Idee in einer den anderen verständlichen Form zu vermitteln. Die richtige Übermittlung der Ideen objektiven Wissens war immer ein Teil der Aufgabe derjenigen, die dieses Wissen besaßen. […]

Die Lehre, deren Theorie wir darlegen, ist vollständig selbständig, von anderen Linien unabhängig und war bis zum heutigen Tage vollständig unbekannt. Wie andere Linien benützt sie die symbolische Methode, und eines ihrer Hauptsymbole ist die bereits erwähnte Figur, nämlich der in neun Teile gegliederte Kreis.

Dieses Symbol sieht folgendermaßen aus:
enneagram

Der Kreis wird in neun gleiche Teile geteilt. Sechs Punkte sind durch eine Figur verknüpft, die in bezug auf einen Durchmesser, der den Kreisumfang am obersten Punkt durchschneidet, symmetrisch ist. Ferner ist der oberste Punkt der Scheitel eines gleichseitigen Dreiecks, das die Punkte miteinander verbindet, die nicht in die ursprüngliche komplizierte Figur einbezogen sind.

Dieses Symbol ist im Studium des „Okkultismus“ nirgends zu finden, weder in Büchern noch in mündlicher Überlieferung. Ihm wurde von den Wissenden eine so große Bedeutung verliehen, daß sie es für notwendig erachteten, seine Kenntnis geheimzuhalten. […]

Das Symbol, das einen in neun Teile geteilten Kreis mit den diese Teile verbindenden Linien darstellt, drückt das Gesetz der Sieben in seinem Zusammenhang mit dem Gesetz der Drei aus.

Die Oktave hat sieben Töne, und der achte ist eine Wiederholung des ersten. Zusammen mit den zwei „zusätzlichen Schocks“, welche die „Intervalle“ mi — fa und si — do ausfüllen, gibt es neun Elemente. […]

Alles, was wir über die Strahlungs-Oktaven und über die Nahrungs-Oktaven im menschlichen Organismus gesagt haben, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Symbol des in neun Teile geteilten Kreises. Dieses Symbol als Ausdruck einer vollkommenen Synthese enthält in sich alle Elemente der von ihm dargestellten Gesetze, und aus ihm kann alles, was mit diesen Oktaven zusammenhängt, und noch vieles mehr abgeleitet und mit seiner Hilfe weitergegeben werden.

[…] Jedes vollständige Ganze, jeder Kosmos, jeder Organismus, jede Pflanze ist ein Enneagramm. Aber nicht jedes dieser Enneagramme hat ein inneres Dreieck. […]

Dieses innere Dreieck befindet sich in Pflanzen wie Hanf, Mohn, Hopfen, Tee, Kaffee, Tabak und vielen anderen, die im Leben des Menschen eine bestimmte Rolle spielen. Das Studium dieser Pflanzen kann uns viel über das Enneagramm offenbaren.

Allgemein gesprochen, muß man verstehen, daß das Enneagramm ein universales Symbol ist. Alles Wissen kann im Enneagramm zusammengefaßt und mit Hilfe des Enneagramms gedeutet werden. Und so kann man sagen, daß man nur das weiß, beziehungsweise versteht, was man in das Enneagramm einfügen kann. Was man nicht in das Enneagramm einfügen kann, versteht man nicht. Für den Menschen, der es benützen kann, macht das Enneagramm Bücher und Bibliotheken vollständig überflüssig. Alles kann im Enneagramm zusammengefaßt und in ihm gefunden werden. Ein Mensch, der allein in der Wüste ist, kann das Enneagramm in den Sand malen und die ewigen Gesetze des Weltalls daraus lesen, und jedesmal kann er etwas Neues lernen, etwas, was er vorher noch nicht wußte.

Wenn zwei Menschen, die in verschiedenen Schulen gewesen sind, sich treffen, dann werden sie das Enneagramm zeichnen, und mit seiner Hilfe werden sie sofort sehen, wer von ihnen mehr weiß und wer folglich auf einer höheren Stufe steht, das heißt wer der Ältere, wer der Lehrer und wer der Schüler ist. Das Enneagramm ist die fundamentale Hieroglyphe einer Universalsprache, die so viele verschiedene Bedeutungen hat, als es Stufen von Menschen gibt.

Das Enneagramm ist dauernde Bewegung, das gleiche perpetuum mobile, das die Menschen seit dem ältesten Altertum gesucht und niemals gefunden haben. Und es ist klar, warum sie das perpetuum mobile nicht finden können. Sie suchten außerhalb von sich, was in ihnen war; […] Das Enneagramm ist ein schematisches Diagramm der dauernden Bewegung, das heißt einer Maschine von dauernder Bewegung. Aber natürlich muß man wissen, wie dieses Enneagramm zu lesen ist. […] Es ist das perpetuum mobile und ist auch der Stein der Weisen der Alchimisten.

Die Kenntnis des Enneagramms wurde lange Zeit geheimgehalten, und wenn es nun sozusagen allen zugänglich gemacht wird, so nur in einer unvollständigen und theoretischen Form, die niemand ohne Belehrung durch einen Wissenden irgendwie praktisch anwenden kann.

Um das Enneagramm zu verstehen, muß man es sich bewegt, in Bewegung vorstellen. Ein sich nicht bewegendes Enneagramm ist ein totes Symbol; das lebendige Symbol ist die Bewegung.“ […]

Außer den Tänzen und Derwischübungen, gab es auch Übungen, die mit der „Bewegung des Enneagramms" in Beziehung standen. Auf den Boden der Halle, in der die Übungen stattfanden, wurde ein großes Enneagramm gezeichnet, und die an den Übungen teilnehmenden Schüler standen an den Stellen, die mit den Zahlen 1 bis 9 bezeichnet waren.

Und dann begannen sie sich in Richtung auf die Zahlen der Perioden in einer sehr interessanten Bewegung zu bewegen, wobei sie sich an den Treffpunkten umeinander drehten, das heißt an den Punkten, wo sich im Enneagramm die Linien kreuzten.

Gurdjieff sagte, daß Übungen mit Bewegungen nach dem Enneagramm in seinem Ballett „Der Kampf der Magier" eine wichtige Rolle spielten, […] und daß es ohne Teilnahme an diesen Übungen und ohne eine bestimmte Stelle in ihnen einzunehmen, fast unmöglich sei, das Enneagramm zu verstehen.

„Es ist möglich, das Enneagramm durch Bewegung zu erleben." […]

[…] über die Bedeutung des Enneagramms als Universalsymbol sprach Gurdjieff wieder von der Existenz einer universalen „philosophischen" Sprache. „Die Menschen haben seit langem versucht, eine Universalsprache zu erfinden. [...] Und in diesem Fall wie auch in vielen anderen suchen sie etwas, was schon vor langer Zeit gefunden wurde, und versuchen etwas zu erdenken und zu erfinden, was schon seit langem besteht und bekannt ist.