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Tcheslav Tchekhovitch

Tcheslav Tchekhovitch

Kurz vor seinem Tod 1958 erkannte Tchekhovitch, wie wertvoll seine persönlichen Erinnerungen und Zeugnisse aus erster Hand über sein Leben an Gurdjieffs Seite sind. Er fühlte das dringende Bedürfnis, diese einzigartige Erfahrung zu dokumentieren, damit sie für die kommende Generation nicht verloren ginge. Aus seinen zahlreichen Notizen und Bruchstücken verfasste er das Buch: „Gurdjieff, a Master in Life“

Dort erinnert er sich an die Anfänge:
„Im Januar 1920 war ich Teil des polnischen Kontingents der Zarenarmee, die sich nach Süden zurückzog. Als wir das Schwarze Meer erreichten, gingen wir an Bord des nächst besten Schiffes. Wir machten einen kurzen Zwischenhalt in Bulgarien und fuhren dann weiter nach Konstantinopel, das für die nächsten eineinhalb Jahre meine Heimat werden sollte.

Ich war extrem erleichtert, so weit weg von den Grausamkeiten des Bürgerkriegs zu sein. Offen gesagt war ich gegen meine Überzeugung in diese Auseinandersetzungen verwickelt worden, denn es war unmöglich, mitten in den Wirren neutral zu bleiben. Selbstverständlich hatte ich die feste Absicht, meine Haut zu retten, und unser Anlegen in Konstantinopel schien eine unerwartete Gelegenheit zu bieten, diesem unmenschlichen Konflikt ohne Ehrverlust zu entgehen.

In Konstantinopel schien der Krieg sehr weit weg. Trotzdem konnte ich den Albtraum, den ich gerade durchgemacht hatte, nicht aus meinem Gedächtnis löschen. Schreckliche Bilder der Barbarei und Gewalt verfolgten mich. Ich konnte in dem Krieg und den Grausamkeiten keinen Sinn erkennen. Doch inmitten der Feindseligkeiten, während kurzer Momente, in denen ich schlief oder wenn ich durch die extreme Müdigkeit eindöste, meldete sich in mir eine seltsame Intuition, dass es ein anderes Leben gibt, ein mit Sinn erfülltes Leben. Ähnliche Eindrücke hatten in meiner Jugend viele Fragen aufgeworfen.“

„Ich hatte schon einige Vorlesungen Ouspenskys besucht, bis ich Herrn Gurdjieff in Konstantinopel persönlich begegnete. Je öfter ich dessen Vorlesungen beiwohnte, umso mehr wuchs mein Interesse. Die Zusammenkünfte wurden so faszinierend, dass ich beschloss mich von nichts mehr ablenken zu lassen, was mich davon fernhalten könnte. Es hatte sich mir wirklich eine neue Welt eröffnet, eine Welt, die mich anzog. Ich fühlte ein Bedürfnis, ausgeglichener zu werden – sozusagen mein Haus in Ordnung zu bringen –, um die Fähigkeit zu erlangen, diesen inneren Ruf, der sich allmählich in mir bemerkbar machte, aufrichtig zu hören.“

In Konstantinopel wohnte T. Tchekhovitch in Herrn Gurdjieffs Haus, was ihm die unschätzbare Gelegenheit bot, die Wirkung des Meisters täglich hautnah zu erleben. Er folgte ihm durch sämtliche Odysseen bis nach Paris.

Viele Jahre später schreibt Tchekhovich:
„Ende des Sommers 49 wusste Herr Gurdjieff schon lange, dass seine Tage gezählt waren, aber er ließ nicht zu, dass dies bemerkt wurde. Nichts änderte sich in seiner Routine, außer vielleicht eine gewisse Sorgfalt, seine Angelegenheiten zu ordnen.

Auf einer ganz anderen Ebene stellte er sehr spezielle Forderungen an seine französischen Schüler, als ob es sein Wunsch war, sie zu einer stetig wachsenden Verantwortung in der Führung der Arbeit der Gruppen zu rufen. Zu dieser Zeit hatten sich uns viele englische und amerikanische Schüler angeschlossen und es war klar, dass Herr Gurdjieff wünschte, dass sie intensiver an der Arbeit teilnahmen.

In diesen letzten Tagen hörten wir Herrn Gurdjieff bei speziellen Anlässen sagen: ‚Der, der an sich selbst arbeitet, bereitet sich gleichzeitig auf einen würdigen Tod vor.’

Herr Gurdjieff ermahnte uns immer: ‚Machen Sie weiter, machen Sie weiter.’ Er verließ den Raum, aber seine Anwesenheit füllte die Atmosphäre und rief uns zum Wesentlichen zurück.“

„Ich verbrachte 28 Jahre in unterschiedlichen Bedingungen in der Nähe von Georges Ivanovitch Gurdjieff und erkenne jetzt, dass mein Leben erst durch diesen Mann und seine Lehre einen Sinn erhalten hat.“