Herr Baklayan, Sie leiten die Gurdjieff-Schule München schon seit mehr als 25 Jahren und haben von Ihrem Lehrer Dr. Michel Peterfalvi, der selbst zum inneren Kreis der Schüler von G. I. Gurdjieff gehörte, diesen Auftrag noch zu seinen Lebzeiten erhalten. Können Sie uns darüber ein bisschen erzählen?
Herr Baklayan:
Das stimmt. Dr. Peterfalvi hat mir noch zu seinen Lebzeiten diesen Auftrag für Deutschland gegeben. Das war der letzte Akkord einer sehr langen Vorbereitung, von der ich im Grunde nichts wusste. Ich wusste nicht, dass ich vorbereitet wurde.
Interviewer:
Darauf vorbereitet, ohne es zu wissen – wie geht denn das?
Herr Baklayan:
Es gab eine ganze Reihe von Prüfungen, die ich erst viel später, also im Nachhinein, als solche erkannt habe.
Interviewer:
Das klingt sehr interessant. Was für Prüfungen waren das? Können Sie darüber etwas sagen?
Herr Baklayan:
Man muss erst einmal wissen, dass mein Lehrer so etwas wie ein Purist war. Das heißt, ein Anhänger der reinen Lehre. Er mied Synkretismus – also die Vermischung von Traditionen und Methoden, wie sie heutzutage so beliebt ist. Im Übrigen meiden dies alle authentischen Lehrer des Vierten Weges.
Das hatte den Vorteil, dass ich selbst im reinen Strom der Gurdjieff-Lehre erzogen wurde. Und die Gefahr der Vermischung war bei mir durchaus gegeben, da ich zu dieser Zeit bereits die Tradition der Shaolin-Mönche praktizierte und sogar eine Schule eröffnet hatte.
Interviewer:
Wie hat sich das praktisch ausgedrückt?
Herr Baklayan:
Da gab es viele Aspekte. Das Offensichtlichste war, dass ich vom ersten Tag an weder über meine intensiven Erfahrungen – zum Teil im Kung-Fu, Taiji und Qigong – berichten durfte, noch sie in irgendeiner Form als Vorteil in der Gurdjieff-Arbeit verwenden sollte.
Umgekehrt habe ich in meiner inzwischen sehr alten Shaolin-Schule nie vom Vierten Weg gesprochen. Die Schule blieb und bleibt bis heute eine reine traditionelle Shaolin-Kung-Fu-Schule. Dr. Peterfalvi hat das alles sehr genau beobachtet, bis er sich über die Jahre ohne den geringsten Zweifel davon überzeugen konnte, dass ich die beiden Wege nicht nur formal und äußerlich, sondern auch aus innerer Überzeugung getrennt habe. Und damit hatte ich wohl diese Prüfung bestanden.
Interviewer:
Das ist tatsächlich ein wenig unerwartet. Sie sagen, Sie haben es aus Überzeugung getrennt?
Herr Baklayan:
Ja. Am Anfang hat mich diese Trennung selbst sehr gewundert. Im Laufe der Zeit habe ich jedoch den großen Vorteil dieser Vorgehensweise erkannt. Bei authentischen Traditionen sollte man wirklich nicht mischen. Vermischung verdünnt nur die Essenz.
Der Strom des Vierten Weges ist etwas sehr Spezifisches. Der innere Kern, die Essenz dieser Lehre, ist mit etwas verbunden, das buchstäblich Zeit und Raum sprengt.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Das heißt nicht, dass man andere Traditionen und Methoden nicht betrachten oder würdigen darf. Aber in der Praxis führen Vermischungen langfristig nur zu schwächeren Ergebnissen.
Interviewer:
Gab es noch weitere Prüfungen?
Herr Baklayan:
Ja, ohne Zweifel. Es kam eine Periode, in der mein Lehrer mich aufforderte zu schweigen. Kein Wort mehr über die Gurdjieff-Arbeit in meinem Umfeld zu verlieren – natürlich außerhalb der Gruppen.
Mein Lehrer hat nie etwas befohlen. Er legte einem etwas nahe und beobachtete dann, ob man es tat oder nicht. So schwieg ich etwa sieben Jahre lang. Irgendwann war er offenbar davon überzeugt, dass ich wirklich schweigen konnte.
Dann ergab sich, dass ich Vorbereitungsgruppen leitete, immer in enger Absprache mit ihm. Ich bereitete die Anwärter über Jahre hinweg vor, und wenn diese Gruppen so weit waren, stellte ich sie meinem Lehrer vor und übergab sie ihm.
Interviewer:
Sie haben ihm also Ihre Gruppen übergeben?
Herr Baklayan:
Vorsicht. Mein Lehrer hat jede Tendenz ausgemerzt, dass ich von „meinen Gruppen“ oder „meinen Schülern“ sprach. Es ging darum zu erkennen, dass jede persönliche Aneignung bereits von einem gewissen Hochmut zeugt und innerlich bekämpft werden muss.
Dr. Peterfalvi ging darin sehr weit. Schon der Gedanke oder das Gefühl „Das ist meine Gruppe“ ist eine Form der Aneignung und damit bereits falsch. Das entspricht auch einer objektiven Wahrheit, denn nichts gehört einem in diesem Leben.
Die Gruppe ist immer eine Gruppe von individuellen Wahrheitssuchern, die mit demjenigen, der die Aufgabe der Weitergabe erhalten hat, zusammenkommen und sich gegenseitig bei der Suche unterstützen. Danach kehrt natürlich jeder wieder in sein eigenes Leben zurück. Der Vierte Weg ist der Weg im Leben, nicht wahr? Es gibt keine Abhängigkeiten und es darf auch keine geben.
Interviewer:
Könnte man sagen, dass man an solchen Abhängigkeiten eine falsche oder eine authentische Gruppe erkennt?
Herr Baklayan:
Ja. Einer der Unterschiede zwischen einer wirklichen Gruppe und Sekten, religiösen Vereinigungen, Kulten und Ähnlichem ist folgender: Dort sieht man immer so etwas wie „wir und die anderen“.
Den Menschen wird suggeriert, dass man etwas Besonderes ist, dass wir etwas Besonderes sind und dass die anderen nicht dazugehören und uns natürlich nicht verstehen. Der Anführer ist dann ebenfalls etwas ganz Besonderes.
In einer wahren Schule ist es genau umgekehrt. Dieses „wir und die anderen“ gibt es dort nicht. Es gibt lediglich einen aufrichtigen Wunsch, den Sinn und Zweck der eigenen Existenz zu verstehen, an sich selbst zu arbeiten und im Zuge dessen auch die Mitmenschen besser zu verstehen und zu dienen. „Wir und die anderen“ – das gibt es nicht. Herr Tracol hat immer gesagt: „Die Vereinigung der Schwächen ergibt niemals Stärke.“
Interviewer:
Aber ist die Gefahr nicht immer da, dass Menschen doch an einer Person hängen bleiben?
Herr Baklayan:
Wissen Sie, G. I. Gurdjieff ging hier mit einem sehr guten Beispiel voran. Er bestand mit großer Entschlossenheit darauf, dass man sich mit seinen Ideen identifiziert und nicht mit seiner Person.
Darüber gibt es in der Literatur viele Anekdoten, und ich habe auch persönlich viele gehört, wie er es immer verhindert hat, dass man aus ihm etwas Besonderes machte. So hat es auch mein Lehrer praktiziert, und so wird es auch von mir weitervermittelt. Es geht immer nur um das Thema der inneren Arbeit, um innere Entwicklung, niemals um eine Person.
Im Grunde genommen gibt es in diesem Sinn auch nicht wirklich einen Lehrer, sondern nur einen Vermittler. Im Vierten Weg soll jegliche Imitation des Lehrers oder irgendeiner anderen Person unterbunden werden. Jedes Individuum muss selbst entdecken, wer es ist und was es ausmacht. Das war eine ganz wichtige Lektion. „Der wahre Meister ist das Leben“, sagte mir mein Lehrer immer wieder.
Interviewer:
Und wie ging es dann weiter?
Herr Baklayan:
Ich wollte die nächste Gruppe, es war bereits die vierte Generation, mit der ich jahrelang gearbeitet hatte, wieder an ihn übergeben. Doch er lehnte ab. Er lehnte zwei bis drei Jahre lang ab.
Ich wollte unbedingt, dass sie mit ihm arbeiten, aber er blieb beharrlich dabei und bestand darauf, dass ich weitermache. Er wusste, dass seine Tage gezählt waren. Er war damals fast 90 Jahre alt und wollte offensichtlich, dass ein organischer Übergang stattfindet.
Am Ende sah er sich diese letzte Gruppe und ihre Mitglieder doch noch einige Male an. Als er überzeugt war und gesehen hatte, dass der authentische Strom bereits in ihnen wirksam war, war klar: Das war die wichtigste Prüfung.
Nachdem dies geschehen war, bekam ich den Auftrag, einen Zweig dieser Schule in Deutschland weiterzuführen. Dabei habe ich auch das erhalten, was man im Orient Baraka nennt – den entsprechenden Segen. Ein solcher Segen verbindet einen endgültig und verpflichtet einen auch.
Interviewer:
Können Sie darüber mehr sagen?
Herr Baklayan:
Nein. Das ist sehr privat. Darüber möchte ich nicht sprechen. Es hat mit dem Gewissen zu tun.
Interviewer:
Sie sagten, Sie wollten unbedingt, dass diese Gruppen mit ihm arbeiten. Wollten Sie nicht selbst weitermachen?
Herr Baklayan:
Nein. Ehrlich gesagt wäre es mir lieber gewesen, er hätte mit ihnen weitergearbeitet.
Interviewer:
Warum? Wollten Sie nicht selbst die Arbeit weiterführen?
Herr Baklayan:
Nein. Ich fühlte mich noch nicht bereit.
In meiner Jugend war es oft umgekehrt. Damals war es ein Ideal, eine Gruppe zu führen. Doch ich machte einschneidende Erfahrungen, man könnte sagen eine Art Bekehrung oder Erweckung.
Ich durfte ganz andere Dimensionen der inneren Arbeit erfahren, und mir wurde klar, welche lebenslange Verantwortung man für die innere Welt eines Menschen übernimmt und welchen Einsatz das erfordert. Die Schüler sind frei zu kommen und zu gehen. Doch derjenige, der den Prozess anstößt, muss jederzeit für das zur Verfügung stehen, was begonnen wurde. Ich fühlte mich dem damals nicht gewachsen. Das geht weit über das hinaus, was man sich gewöhnlich vorstellt.
Interviewer:
Wann war diese Bekehrung?
Herr Baklayan:
Sie ging Hand in Hand mit der Eingebung für den Text „Der Krieg der Bergdämonen – auf den Spuren des Heiligen“. Damals hatte ich sehr tiefgreifende Erkenntnisse und entsprechende Erfahrungen.
Ich zeigte meinem Lehrer die ersten 60 Seiten und fragte ihn, ob ich weiterschreiben solle. Er ermutigte mich sehr und sagte: „Ja, es wird Zeit für Sie.“ Das war 2002. Ich schrieb etwa sieben Jahre lang, man könnte sagen unter seinem Einfluss. Anfang 2009 wurde das Buch veröffentlicht. Wer versucht, dieses Buch ernsthaft zu verstehen, merkt sofort, dass man in unbekannte Welten eintaucht.
Interviewer:
Und selbst für ein eigenes Buch haben Sie seine Erlaubnis eingeholt?
Herr Baklayan:
Ja, natürlich. Unsere Beziehung war sehr eng. Dr. Peterfalvi war mein Lehrer und zugleich für mich wie ein Großvater, den ich sehr liebte. Ich war am Anfang noch sehr jung und bat ihn um Rat in fast allen Lebensfragen.
Wenn es jedoch mit der inneren Arbeit zu tun hatte, hätte ich niemals etwas getan ohne seine Erlaubnis. Im Übrigen hat er mir im Laufe der Jahrzehnte auch vieles verweigert. Er machte klar, dass er es nicht wünschte.
Für mich kam es nie infrage, einen solchen Wunsch nicht zu respektieren. Auch das gehörte zu diesen Prüfungen, denn er ließ mir stets die Freiheit, seinen Wunsch zu ignorieren. Aber ich bin im Orient aufgewachsen und hätte diese Beziehung nie verraten können. Bis heute nicht. Ich saß praktisch 38 Jahre lang zu seinen Füßen, bis er 2014 von uns ging. Ich würde heute noch dort sitzen, wenn er noch leben würde.
Interviewer:
Eine etwas andere Frage: Im Netz gibt es viele Gurdjieff-Gruppen, Vierter-Weg-Gruppen, Ouspensky-Gruppen und andere. Inzwischen greifen sich manche gegenseitig an und verleugnen sich. Für Laien ist das schwer zu überblicken, oder?
Herr Baklayan:
Ja, natürlich. Das ist der übliche, allzu menschliche Wahnsinn. Warum sollten die Gurdjieff-Ideen davon verschont bleiben? Da draußen ist eine verrückte Welt. Missgunst und Neid sind weit verbreitet.
Im Internet kann jeder behaupten, was er will, und dabei anonym bleiben. Anonymität bedeutet, dass jede Hemmung, falsche Behauptungen aufzustellen, verschwindet. Manchmal ist das Netz für mich zu einem weltweiten Stammtisch geworden, an dem getratscht und schlechtgemacht wird.
Das ist traurig, aber kaum zu vermeiden. Die Suggestibilität des Menschen hat Gurdjieff als eine der größten Schwierigkeiten auf dem Weg zur inneren Befreiung bezeichnet – wenn nicht sogar als die Schwierigkeit überhaupt. Die gröbste Suggestibilität ist, zu glauben, was andere sagen, ohne eigene Anstrengungen zu unternehmen, um der Sache selbst auf den Grund zu gehen.
Doch auch hier sind wir in guter Gesellschaft. Gurdjieff wurde von der Presse geradezu bestialisch angegriffen – das Internet von damals. Ich habe einige dieser Artikel gelesen und war fassungslos, was man ihm alles andichtete. Dasselbe geschah mit Jeanne de Salzmann, mit meinem Lehrer und geschieht heute in den USA mit Menschen, die ich teilweise persönlich kenne. Das sind völlig unsinnige Bewegungen.
Doch auch hier hatte mein Lehrer eine klare und saubere Haltung: Er hielt uns konsequent von jeder Gruppenpolitik fern.
Interviewer:
Gruppenpolitik?
Herr Baklayan:
Ja. Gurdjieff starb 1949, also vor über 75 Jahren. Und natürlich hat sich in der Zwischenzeit viel Politik gebildet. Das heißt, welche Gruppe mit welcher nicht spricht, wer mit wem verbunden ist, wer sich wem unterstellt und wer nicht. So sind natürlich Hierarchien entstanden und verschiedene Richtungen haben sich etabliert.
Mein Lehrer hat uns von all dem konsequent abgeschirmt. Das Einzige, was ihn interessiert hat, war die intensive innere Arbeit. Für ihn saßen wir alle im selben Boot, und die anderen Gruppen hatten uns nicht zu interessieren. Ich bin ihm dafür zutiefst dankbar und auch verpflichtet. Ich versuche genau das in den Gruppen zu vermitteln, die sich mir anvertraut haben.
Interviewer:
Können Sie trotzdem ein paar Hinweise geben, worauf man achten sollte, wenn man ernsthaft interessiert ist?
Herr Baklayan:
Ja, es gibt einfache Kriterien, die leicht zu beachten sind.
Erstens: Ist die Gruppe, das Gruppenangebot, ein Geschäft? Dient es dem Lebensunterhalt desjenigen, der es betreibt? Wenn ja, widerspricht das im Allgemeinen der Natur dieser Arbeit.
Zweitens: Gibt es Abhängigkeiten? Dieses „wir und die anderen“, über das wir vorhin gesprochen haben?
Drittens: Stammt der Lehrer aus einer authentischen Linie? Aus dem Kreis der Gurdjieff-Schüler, die ihn während seiner Lebenszeit zum Teil über 25 Jahre begleitet und die Essenz seiner Lehre wirklich empfangen haben, und von deren ältesten Schülern? Das ist ein sehr kleiner und überschaubarer Kreis. Aber bitte: Nicht im Internet recherchieren. Hier ist persönlicher Kontakt gefragt.
Und schließlich, als vielleicht wichtigstes Kriterium: Ist dieser besondere Einfluss spürbar? Der Strom, von dem Gurdjieff immer gesprochen hat. Er sprach von zwei Strömen: dem Strom des Lebens und dem Strom der Arbeit. Ist dieser Strom in den Gruppen spürbar?
Interviewer:
Aber das kann ein Laie doch unmöglich wissen, oder?
Herr Baklayan:
Ja, da haben Sie recht. Hier braucht es ein instinktives Gespür für die besondere Atmosphäre, für die dichteren Substanzen, die während einer solchen Arbeit entstehen. Diese können nur entstehen in der Anwesenheit von jemandem, der selbst empfangen hat.
Man kann sich hier leicht irren. Anfangs glaubt man vielleicht, die richtige Gruppe gefunden zu haben. Aber man sollte seine Vernunft nicht ausschalten. Was nicht echt ist, wird der Prüfung der Zeit nicht standhalten. Dieser besondere Kontakt, der durch die ständige Erneuerung mit einem höheren Einfluss spürbar ist, wird fehlen.
Und wenn er fehlt, kommt es zwangsläufig zu Psychologisieren, zum Philosophieren, zum Formalisieren der Lehre und der Techniken. Es wird dogmatisch. Und am Ende kommt es doch zu Vermischungen mit anderen Systemen, weil dem selbsternannten Lehrer der innere Stoff ausgeht. Man sollte also sehr wachsam bleiben. Denn all das führt nicht zu dem, worauf Gurdjieff hingearbeitet hat. Im Übrigen hat er selbst davor gewarnt. Sein Legomonismus wird nicht lebendig weitergegeben.
Interviewer:
Was ist ein Legomonismus?
Herr Baklayan:
Legomonismus ist ein Begriff, den er in seinem Meisterwerk „Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel“ verwendet. Gurdjieff definierte ihn als Kunde, die von Geschlecht zu Geschlecht durch Wesen weitergegeben werden, die es selbst verdient haben, Eingeweihte genannt zu werden.
Im Grunde genommen sind „Beelzebubs Erzählungen“ selbst ein Legomonismus. Ein Arbeitswerk, schwer zu entziffern. Genau wie das gesamte, unglaublich vielfältige Werk Gurdjieffs: die Bewegungen, die Musik, die Ideen, die Methoden. Wenn man sich ernsthaft damit auseinandersetzt, entdeckt man bald, dass es sich um eine der größten spirituellen Hinterlassenschaften der modernen Zeit handelt.
Die Hinterlassenschaft ist ein Legomonismus. Doch dieses Werk ist ohne eine Verbindung zu diesem Strom und ohne tiefe Bemühungen nicht zu verstehen. Beides geht Hand in Hand. Selbst nach 50 Jahren intensiver Auseinandersetzung fühlt man sich wie ein Anfänger.
Das liegt an jener Relativität, von der Gurdjieff gesprochen hat. Mit jedem Schritt ist man wieder ein Anfänger. Es erfüllt einen mit Leben, als wäre man neugeboren, und alles wird neu entdeckt. Man erfährt diese Freude am Sein, diese besondere Qualität, die mit nichts zu vergleichen ist.
Interviewer:
Sie sprachen von dem Kreis der Gurdjieff-Schüler, die ihn über 25 Jahre begleitet haben. Sie erwähnten auch, dass Sie in Kairo mit Jacques Daumal und seiner Frau gearbeitet haben.
Herr Baklayan:
Ja, das war 1975. Das war mein erster Kontakt mit diesen Ideen. Mein erster Lehrer war Jacques Daumal in Kairo. Er war der Bruder des berühmten Dichters René Daumal, des Autors von „Das große Besäufnis“ und „Der Berg Analog“ – Werke, die die Ideen der Arbeit in allegorischer Form darstellen.
Jacques Daumal, seine Frau und auch René Daumal gehörten zum inneren Kern, den Gurdjieff um sich versammelt hatte. Dieses alte Ehepaar hat für mich Unglaubliches bewirkt. Ich erinnere mich an beide mit tiefster Dankbarkeit.
Interviewer:
Sie sagten, der Strom des Vierten Weges sei etwas sehr Spezifisches, verbunden mit etwas, das Zeit und Raum sprengt. Ist damit auch die Weitergabe der Essenz verbunden?
Herr Baklayan:
Gurdjieff sprach vom inneren Kern der Menschheit, mit dem Lehrer direkt oder indirekt in Kontakt stehen sollten, um Hilfe von dort zu erhalten. Die stetige Erneuerung, von der ich gesprochen habe, ist ohne diesen Kontakt nicht möglich.
Die Transmission der Linie geschieht durch diesen Kontakt und nicht durch Zugehörigkeit zu einer Institution oder einer Kirche. Und wie so oft bei Gurdjieff meinte er das mit dem „inneren Kern der Menschheit“ wortwörtlich.
Hier berühren wir die Idee der Esoterik, die mehr ist als nur eine Idee. Man muss sich von allen gängigen Vorstellungen über Esoterik lösen, um zu verstehen, was sich hinter seinen Worten verbirgt.
Interviewer:
Damit sind wir am Ende. Herr Baklayan, vielen Dank für dieses Gespräch.
Herr Baklayan:
Ich danke allen für ihre Aufmerksamkeit und Geduld.

